„Extrawurst“ von Dietmar Jacobs und Moritz Netenjakob ist eine brillante Satire in zwei Akten, die mit wohlgesetzten Pointen unsere aktuelle Streitkultur, die Respektlosigkeit und Intoleranz gegenüber Migranten, Homosexuellen, Veganern und anderen aufs Korn nimmt. Es ist ein großer Spaß mit so viel Hintersinn, dass einem zwischendurch schon mal das Lachen vergeht. Das ein oder andere Mal kann man sich im Kugelhagel des verbalen Schlagabtausches durchaus ertappt fühlen, denn selbst als bekennender Gutmensch kommt man um ein paar Vorurteile offenbar nicht herum.
Das Stück wird über die
Bühne bis in den Zuschauerraum erweitert. Als Zuschauer sitzen wir inmitten der
Mitgliederversammlung des örtlichen Tennisvereins.
Das ganze Borchert Theater hat sich in das Vereinsheim verwandelt. Eigentlich
läuft bei der Versammlung alles ab wie immer. Die Tagesordnung ist fast abgearbeitet.
Im Hintergrund macht ein üppig bestücktes Büffet Appetit. Es braucht nur noch
eröffnet zu werden, damit alle nach vorne stürzen dürfen, um sich am üppig
gedeckten Tisch zu bedienen.
Der neue Vereinsvorsitzende
ist auch der alte: Dr. Heribert Bräsemann (wieder einmal klasse gespielt von Ensemblemitglied
Jürgen Lorenzen). Jovial und erfahren und ein bisschen autokratisch hat er die
Versammlung geleitet und möchte nun endlich zum Ende kommen, um mit großer
Geste zum Essenfassen einzuladen. Doch unter dem nun aufgerufenen Punkt
„Sonstiges“ wittert Matthias Scholz, der stellvertretende Vorsitzende, seine
große Stunde. Vom Ehrgeiz überwältigt stellt Scholz (von Florian Bender perfekt
bis zur Perfidie ausgefüllt) den neuanzuschaffenden Grillmaster vor, der zwar
extrem teuer ist, aber endlich die beim Sommerfest zu beklagenden „Wurst-Peaks“
durch eine ausladene Grillfläche zu meistern verspricht.
Alles könnte so schön sein.
Als Vereinsmitglieder sind wir, die Zuschauer, sogar bereit, das Grillmonster
abzuwinken. Da erscheint Melanie Pfaff auf der Szene. Nach ihrem erfolgreichen Doppel
mit dem Vereinskollegen Erol Oturan (ein türkisch-stämmiger Deutscher, super assimiliert
und klasse gespielt von Markus Hennes) ist sie ein bisschen erschöpft. Nach
einem Durstlöscher wandelt sie sich plötzlich in einen Gerechtigkeitsengel. Melanies
Frage (hinreißend, spitz und vorwitzig gespielt von Rosana Cleve), ob es nicht
eine Form des Respektes gefordert sei, nachdem man für den „Türken“ einen
eigenen Grill bereitstellen sollte. Denn Muslime würden zwar auch grillen, aber
aus Gründen ihres Glaubens ihre Würste niemals auf einem Grill braten dürfen,
auf dem einmal Schweinswürste gegart worden sind. Erol winkt ab. Er möchte
keine „Extrawurst“ gebraten bekommen. Aber die Grundsätzlichkeit der
aufgeworfenen Frage wirkt mit einem Mal so beruhigend und besänftigend wie die sprühende
Lunte an einem Pulverfass.
Ehe sich die Mitglieder
versehen, befinden sie sich in eine heillose Grundsatzdiskussion über Toleranz
und Respekt, über Religion und die Anforderungen einer deutschen Leitkultur verstrickt,
aus der es kein Entrinnen mehr gibt. Und noch bevor die Frage geklärt werden
kann, wie viele Freiräume man einer Minderheit einräumen muss, zerlegt der Club
sich kurzerhand selbst.
Da fliegen die Provokationen und schiefen Vergleiche, Argumente, Meinungen und allerlei blödsinnige Ansichten durch die Luft, so dass sich ein jeder verurteilt und beschämt, verletzt und verwundet fühlen kann. Unter der ziemlich dünnen Oberfläche brechen gängige Vorurteile hervor wie die Keime aus einer Eiterblase. Autoritäre, populistische und rechte Positionen bekommen die Oberhand. Scholz entpuppt sich als Anhänger der AfD und übernimmt als „Führer“ das Regiment, bis auch er aufgeben muss.
Und da ist da auch noch
Torsten Pfaff (toll gespielt von Johannes Langer), der sich nichts von dem
religiösen Eifer und dem aufbrechenden Glaubenskrieg zwischen Christen,
Muslimen und Juden anziehen will, weil er als Atheist an rein gar nichts
glaubt, jeden Gott für eine dumme Einbildung hält und sich am liebsten sowieso
aus allem heraushält. Allerdings kann auch er nicht mehr an sich halten als
seine Eifersucht gegenüber dem „Türken“ aufbricht, der offenbar nach einem
erfolgreichen Tennismatch „minutenlang“ seine Frau umarmt haben soll. Der Videobeweis
offenbart allerdings, dass diese ehebrecherische Umarmung maximal drei Sekunden
lang gewesen ist.
Niemandem gelingt es in diesem Chaos seinen sicheren Grund und Boden zu behalten und sich mit einer klaren auf Recht und Gesetz basierenden Position zu behaupten. Ein Abgrund tut sich auf. Die Ordnung ist dahin. Der Vorsitzende legt sein Amt nieder und verlässt den Saal und nach und nach folgen ihm die anderen auch.
Tätliche Angriffe ersetzen Argumente.
Entschuldigungen werden im Sekundentakt wieder zurückgenommen. Da fliegen
gegenseitige Vorhaltungen und Anwürfe, Anfeindungen und Unterstellungen in
einem Tempo gegeneinander übers Netz als würde eine Ballmaschine auf der Bühne
verrückt spielen. Und die Zuschauer sind als Vereinsmitglieder mittendrin. Zwar
versucht der Vereinsvorsitzende mehrmals mit der Mahnung „Fair Play“ ins
Geschehen einzugreifen und als Schiedsrichter aufzutreten, aber vor den Vorurteilen
seiner Vereinskollegen kann er am Ende nichts mehr anrichten.
Wie schon des Öfteren hat Intendant Meinhard Zanger einmal wieder ein gutes Näschen für aktuelle, zeitkritische Stücke bewiesen. Das Wolfgang Borchert Theater bringt die Uraufführung der hochdeutschen Fassung auf die Bühne. In Hamburg gibt es gerade parallel die Uraufführung einer plattdeutschen Fassung im bekannten Ohnsorg-Theater. Und in den kommenden Wochen ziehen gleich mehrere Bühnen nach.
Das Stück rührt offenbar an
einem wunden Punkt und schafft es neben seinem Unterhaltungswert auch im
Oberstübchen der Zuschauer ein bisschen Unordnung zu schaffen. Gut so. „Zu
Risiken und Nebenwirkungen lesen Sie die Packungsbeilage und fragen Sie Ihren
Arzt oder Apotheker!“ Diskutieren hilft.
Dietmar Jacobs und Moritz Netenjakob sind erfahrene Autoren und haben spätestens mit „Stromberg“ bewiesen, dass sie preiswürdige, unterhaltsame und hintergründige Vorlagen liefern können. „Extrawurst“ bietet in der großartigen Inszenierung von Monika Hess-Zanger einen unterhaltsamen Abend, der einem reichlich Stoff für angeregte Gespräche gibt, denn so ganz einfach und lupenrein ist es nicht um unsere Diskussionskultur bestellt.
www.wolfgang-borchert-theater.de
Fotos: Klaus Lefebvre
Jörg Bockow