Annalena und Konstantin Küspert ist etwas Tolles gelungen: Sie haben in ihrer Auftragsarbeit einer in Vergessenheit geratene Geschichte neues Leben eingehaucht und das Ganze beeindruckend inszeniert. Das brillierende Ensemble, Ilja Harjes, Rose Lohmann und Thomas Mehlhorn, schlüpft dabei in allerlei Rollen und nicht zuletzt in die des Protagonisten, Jürgen Möllemann. Sie erzählen im Stile einer Dokumentation, Netflix-Serie und wie ein Verkaufsgeschäft zugleich den Aufstieg des Populismus.
In seiner Person, seinen Skandalen und seiner Methode sehen
die Autoren den Aufstieg des Populismus in Deutschland. Doch die Stärke des
Stückes liegt darin, dass man die Person Möllemann als Galionsfigur einordnet. Möllemann
ist als Person, so wie ein Donald Trump, der genau deshalb ein kurzes Gastspiel
genießt, völlig uninteressant. „Der Bundesbürger“ deckt, eindrucksvoll in einem
pitch für eine Serie (the jürgen w. möllemann story) gekleidet, strukturelle Probleme
in der deutschen Politik auf.
So wird uns erklärt, dass man selbst noch nach einem Parteiausschluss im Bundestag sitzen darf, Nazis wie Werner Naumann oder Ernst Achenbach die FDP beeinflussten und wie ein think tank Möllemanns „Strategie 18“ durchführte. Hier ist ein Fritz Goergen wichtig, der heute für Roland Tichy schreibt.
Was dem Stück nicht gelingt und was fahrlässig behandelt wird, ist der Übergang oder die Trennung von Populismus und Antisemitismus, der Möllemann unterstellt wird, und, das Wort kommt eben erst gar nicht vor, Antizionismus. Um mühsame Wittgensteinsche Sprachspiele zu vermeiden sei letzteres als Recht auf Existenz und Staat für Juden definiert, nicht aber auf eine imperialistische, völkerrechtswidrige Ausdehnung und Einverleibung von Territorien (wie in dem Sechstagekrieg).
Wie bereits erwähnt verwendet „Der Bundesbürger“ dann Donald
Trump um Populismus zu definieren, indem alle drei Darsteller eine blonde
Perücke aufsetzen. Populisten würden den Leuten vorgaukeln, dass sie einer von
ihnen seien und gegen die Eliten vorgehen würden. Und eigentlich sei man ja gar
kein Politiker. Dann gestikuliert Thomas Mehlhorn noch Schläfenlocken und eine
große Nase – das kann man eigentlich auch als problematisch betrachten – und meint
wir würden doch alle wissen, wer ‚wirklich‘ hinter allem stecke. Neben Methoden
wie ad hominem oder ad populum würden Populisten nämlich auch mit Verschwörungstheorien
arbeiten, in diesem Fall der, dass ‚die Juden‘ die Welt kontrollieren würden.
Möllemann wird an eigenen Stellen zitiert, was das Stück als
antisemitisch definiert. Einmal sagt er sinngemäß: „Wer andere Länder besetzt,
muss sich nicht wundern, wenn er angegriffen wird“, ein anderes Mal stellte er
sich hinter Jamal Karsli (damals bei den Grünen!), der palästinensischen Selbstmordattentaten
als legitime Antwort auf die Politik vom damaligen Ministerpräsident Ariel Scharon
rechtfertigte. Die Aussage ist bei Möllemanns Wikipedia-Artikel zitiert. Es
muss eigentlich klar sein, dass der Glaube an eine jüdische Weltverschwörung
und Kritik am Staate Israel etwas gänzlich Unterschiedliches ist.
Mehr noch: dem Stück ist die Ironie gar nicht bewusst, dass man mit Donald Trump arbeitet. Donald Trump, der Jerusalem als israelische Hauptstadt anerkannt hat. Donald Trump, der die Golan Höhen als Teil Israel anerkannt hat. Donald Trump, dessen Schwiegersohn Jared Kushner ein Jude ist. Donald Trump, dessen Tochter, Ivanka Trump, zum Judentum konvertiert ist. Donald Trump, mit dessen Gesicht und Freundschaft Benjamin Netanjahu im Wahlkampf warb. Der Mann verkörpert den illegitimen synonymen Gebrauch von Populismus und Antisemitismus.
Schauen wir uns im Gegenzug Deutschland an: Deutschland akzeptiert Jerusalem nicht als Hauptstadt. Deutschland akzeptiert die Landesgrenzen Israels nicht, man spricht immer von den „von Israel besetzten Gebieten“. Deutschland hat, trotz US-Sanktionen und Warnungen, geschäftliche Beziehungen zum Iran gepflegt, ein Staat, der deutlich antizionistisch ausgelegt ist. Juden im Iran selber sind jedoch durch die Verfassung (Artikel 13) geschützt. Es geht erneut um den Staat und nicht um die Menschen. Möllemann hat damals und hätte heute nichts anderes als eine Darlegung der deutschen Staatsraison betrieben.
Und dann ist da noch das Ende. Möllemann wird also als Populist und Antisemit und als deutlicher Feind des Staates Israels dargestellt. Und dann hören wir, dass er laut Augenzeugenberichten alles dafür getan haben soll mit 250 Stundenkilometer auf einem Feld zu landen. Der Fallschirmsprung halt. Dadurch, dass aber „Der Bundesbürger“ Möllemanns drang zum Judenhass – wie gesagt, undifferenziert – so hervorhebt und den Selbstmord nicht wirklich aufklären kann, weil es nun mal nicht ungeklärt bleibt, können sich die Zuschauer nur wundern: Wer steckte ‚wirklich‘ dahinter?
Fotos: Peter Wattendorff