Die deutschen Unternehmen planen weiterhin einen Abbau von Arbeitsplätzen. Laut dem am Mittwoch veröffentlichten Beschäftigungsbarometer des Münchner ifo-Instituts bleibt die Lage auf dem Arbeitsmarkt angespannt, insbesondere in der Industrie. Auch der Dienstleistungssektor zeigt rückläufige Beschäftigungszahlen.
„Die Lage am Arbeitsmarkt bleibt angespannt – auch wegen des Strukturwandels in der Wirtschaft“, erklärte Klaus Wohlrabe, Leiter des ifo-Bereichs Umfragen. Das ifo-Beschäftigungsbarometer fiel im Februar auf 93,0 Punkte, nach 93,4 im Januar. Seit Mitte 2022 zeigt das Barometer eine weitgehend kontinuierliche Abwärtsentwicklung.
Vor allem in der Industrie bleibt der geplante Stellenabbau stark ausgeprägt, auch wenn der Indikator im Februar leicht von minus 22,4 auf minus 19,8 Punkte anstieg. Besonders im IT-Bereich verzeichnete der Dienstleistungssektor starke Rückgänge. Der Wert sank dort von plus 1,0 auf minus 1,4 Punkte. Auch im Handel und im Baugewerbe verschlechterten sich die Aussichten weiter.
Laut einer Analyse der Beratungsgesellschaft Ernst & Young (EY) wurden 2023 bereits rund 70.000 Stellen in der deutschen Industrie gestrichen – ein Rückgang von 1,2 Prozent. Besonders betroffen war die Textil- und Bekleidungsindustrie mit einem Minus von vier Prozent, während die Automobilbranche 2,4 Prozent ihrer Arbeitsplätze verlor.
EY-Experte Jan Brorhilker rechnet auch für das laufende Jahr mit einem deutlichen Arbeitsplatzrückgang. „Bis zum Jahresende dürften weitere 100.000 Industriearbeitsplätze verloren gehen“, warnte er. Bereits angekündigte Stellenstreichungen würden erst nach und nach in den Statistiken sichtbar. Besonders die Autoindustrie stecke in einem schwierigen Transformationsprozess.
„Unternehmen versuchen, möglichst lange ohne Stellenabbau auszukommen“, erklärte Brorhilker. Doch die verfestigte Krise zwinge sie nun, ihre Kapazitäten an das schwache Nachfrageniveau anzupassen. Gleichzeitig werde verstärkt ins Ausland investiert.
Ein entscheidender Faktor sei die schwache Binnennachfrage. „Deutschland war lange vom Export abhängig. Jetzt brechen aber auch die Ausfuhren ein“, so Brorhilker. Höhere Finanzierungskosten, fehlende Investitionen und politische Unsicherheit trügen zur Krise bei. ozd/afp
OZD-Kommentar
Der deutsche Arbeitsmarkt steht vor einer weiteren Welle des Stellenabbaus, doch die Politik scheint diesen Trend fast teilnahmslos hinzunehmen. Während in der Industrie und im Dienstleistungssektor zehntausende Arbeitsplätze verschwinden, bleibt die dringend nötige wirtschaftspolitische Antwort aus.
Die Unternehmen reagieren nicht aus einer plötzlichen Panik, sondern aus einer seit Jahren andauernden Krise. Steigende Produktionskosten, unsichere Standortbedingungen und mangelnde Investitionsanreize machen es für viele Betriebe zunehmend unattraktiv, in Deutschland zu bleiben. Dass mittlerweile immer mehr Unternehmen ihre Fertigung ins Ausland verlagern, ist eine direkte Folge dieser Fehlentwicklungen.
Besonders alarmierend ist der Stellenabbau in der Automobilindustrie. Sie war einst das Rückgrat der deutschen Wirtschaft, nun wird sie durch unsichere politische Vorgaben, hohe Energiepreise und einen globalen Wettbewerb unter Druck gesetzt. Wer glaubte, dass der „Strukturwandel“ ohne soziale Verwerfungen ablaufen würde, wird nun eines Besseren belehrt.
Die Forderung nach einer Stärkung der Binnennachfrage ist berechtigt – doch wer soll konsumieren, wenn immer mehr Menschen ihren Job verlieren? Statt dringend nötiger Reformen verliert sich die Politik in Symboldebatten, während sich die wirtschaftliche Substanz Deutschlands immer weiter erodiert.
OZD-Analyse
Stellenabbau in Deutschland: Die Zahlena) Laut ifo-Beschäftigungsbarometer bleibt die Lage auf dem Arbeitsmarkt angespannt – insbesondere in der Industrie.
b) 2023 wurden bereits 70.000 Industriearbeitsplätze gestrichen, ein Minus von 1,2 Prozent.
c) EY rechnet mit weiteren 100.000 verlorenen Jobs bis Jahresende, insbesondere in der Automobilindustrie.
a) Die wirtschaftliche Krise hat sich verfestigt, Unternehmen passen ihre Kapazitäten an die schwache Nachfrage an.
b) Investitionen verlagern sich zunehmend ins Ausland, da Standortbedingungen in Deutschland an Attraktivität verlieren.
c) Höhere Finanzierungskosten und politische Unsicherheit bremsen die wirtschaftliche Erholung aus.
a) Die Automobilindustrie befindet sich in einem schwierigen Transformationsprozess, der tausende Jobs kosten könnte.
b) Der Stellenabbau im Dienstleistungssektor zeigt, dass die Krise nicht auf die Industrie beschränkt ist.
c) Die fehlende politische Antwort auf diese Entwicklungen verstärkt die Unsicherheit und könnte die Krise weiter verschärfen.
Was ist das ifo-Beschäftigungsbarometer?
Das ifo-Beschäftigungsbarometer ist ein Indikator zur Entwicklung des deutschen Arbeitsmarktes. Es wird vom Münchner ifo-Institut erstellt und basiert auf Unternehmensbefragungen aus verschiedenen Branchen.
Das Barometer misst die Einstellungsbereitschaft der Unternehmen und gibt Hinweise darauf, ob der Arbeitsmarkt wächst oder schrumpft. Sinkt der Wert, ist mit Stellenabbau zu rechnen. Besonders in wirtschaftlich schwierigen Zeiten wird das Barometer als wichtiger Frühindikator genutzt.
Was ist die Beratungsgesellschaft Ernst & Young (EY)?
Ernst & Young (EY) ist eine der weltweit größten Unternehmensberatungen mit Sitz in London. Die Gesellschaft ist in den Bereichen Wirtschaftsprüfung, Steuerberatung, Transaktionsberatung und Unternehmensberatung tätig.
In Deutschland berät EY zahlreiche Unternehmen, darunter auch große Industrie- und Automobilkonzerne. Die Analysen von EY zur wirtschaftlichen Entwicklung in Deutschland haben großen Einfluss auf die öffentliche Debatte und politische Entscheidungen.
Weiterempfehlen?
Hier ist der QR-Code der Online-Zeitung-Deutschland!
Lesen Sie kostenlos und schlagen Sie in Ruhe nach! Vielen Dank!
Alle Angaben ohne Gewähr. Titelbild AFP