Ulla Koch, die ehemalige Bundestrainerin und bisherige Vizepräsidentin des Deutschen Turnerbundes (DTB), hat ihren Rücktritt bekannt gegeben. Der Verband veröffentlichte diese Nachricht am Mittwoch. Koch (69) hatte ihr Amt bereits zuvor ruhen lassen, nun zieht sie sich vollständig zurück. Als Begründung nennt sie die Debatte um Missstände im deutschen Turnsport, die zuletzt immer lauter wurde.
In der Mitteilung des DTB heißt es, Koch wolle durch ihren Rücktritt verhindern, dass ihre Verantwortungsbereiche weiterhin nur übergangsweise verwaltet werden. Dies ist eine bemerkenswerte Aussage, denn sie deutet darauf hin, dass Koch sich ihrer Position und ihres Einflusses in der Struktur des Verbandes sehr bewusst war. Angesichts der Schwere der Vorwürfe, die sich unter anderem auf psychische und physische Gewalt gegen Athletinnen beziehen, stellt sich jedoch die Frage, ob ein so später Rücktritt nicht längst überfällig war.
Als Cheftrainerin des deutschen Frauen-Turnens hatte Koch von 2005 bis 2021 einen erheblichen Einfluss auf den Sport. In dieser Zeit prägte sie nicht nur den Leistungsbereich, sondern auch die Trainingskultur, die nun heftig in der Kritik steht. Seit Januar 2024 machen immer mehr Athletinnen auf massive Missstände an den Bundesstützpunkten Stuttgart und Mannheim aufmerksam. Berichte über psychische und physische Gewalt haben nicht nur die öffentliche Diskussion befeuert, sondern inzwischen auch die Staatsanwaltschaft auf den Plan gerufen. Koch ließ ihr Amt daraufhin ruhen – ein Schritt, der von vielen als taktisches Manöver gesehen wurde, um direkte Konsequenzen hinauszuzögern.
Der DTB selbst zeigte sich in der Vergangenheit oft zögerlich, wenn es um die Aufarbeitung von Fehlentwicklungen ging. In früheren Stellungnahmen lobte der Verband Kochs Verdienste für den deutschen Turnsport und hob hervor, dass sie stets reflektiert gearbeitet habe. Eine kritische Auseinandersetzung mit ihrer Rolle in der aktuellen Krise fand bislang jedoch kaum statt. Auch der Verweis auf ihren Beitrag zur Initiative "Leistung mit Respekt" wirkt aus heutiger Sicht fragwürdig: Wenn eine ihrer Hauptverantwortlichen nun zurücktritt, zeigt das letztlich auch, dass dieser Prozess nicht aus eigenem Antrieb, sondern erst unter dem Druck der Öffentlichkeit wirklich voranschreitet.
Die zentrale Frage bleibt: Wie viel Verantwortung trägt Koch persönlich für die Missstände, die nun ans Licht kommen? Ist ihr Rücktritt eine echte Konsequenz oder lediglich der Versuch, sich einer tiefergehenden Aufarbeitung zu entziehen? Dass sie sich erst jetzt aus dem Amt zurückzieht, nachdem die Staatsanwaltschaft ermittelt, spricht Bände. Der DTB hat es verpasst, früher klare Konsequenzen zu ziehen und stattdessen versucht, die Diskussion durch vage Danksagungen und Durchhalteparolen zu beschwichtigen.
Der Turnsport in Deutschland steht an einem Scheideweg: Es geht nicht nur um strukturelle Veränderungen, sondern um eine grundlegende Neuausrichtung der Kultur, die Jahrzehnte lang von Druck, Disziplin und fragwürdigen Methoden geprägt war. Der Rücktritt von Ulla Koch ist nur ein erster Schritt – eine echte Aufarbeitung muss folgen.
OZD/SID
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